Romanwerkstatt

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Ich weiß nicht, vermutlich, weil sie fand, dass das dem Bildungsbücherregal eines Deutschstudenten gut zu Gesichte stehen würde oder weil sie in irgendeiner Tageszeitung gelesen hatte, dass gerade die ersten Bände erschienen waren, jedenfalls schenkte meine Mutter mir in fortlaufender Folge und über ein paar Jahre verteilt bei jeder sich bietenden Gelegenheit Band um Band und doch unvollständig die "kritische Textausgabe" von Hölderlins "sämtlichen Werken". Der spärliche Rest des Lebens meiner Mutter reichte dafür nicht.

Die emsigen Herausgeber mögen es mir verzeihen, aber das Ding ist in seiner Fülle von Anmerkungen, Textvarianten, Querverweisen, Fußnoten und Aufschlüsselungen, in seinen höchst erfolgreichen Bemühungen, dem Textfluss Steine in den Weg zu schmeißen, beim besten Willen nicht zu lesen. Es sei denn, man promoviert grade über Hölderlins Annäherungen an Hyperion. Oder übers Ringen der Dichter mit den Worten. Oder übers Ringen der Germanisten um eine straffe Grenzziehung zwischen Weimarer Klassik und Romantik.

Dergleichen aber lag nicht in meiner Absicht. Also denn doch der Griff zum Reclamheftchen.

von Ulrich Land (Kommentare: 0)

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