Romanwerkstatt

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Es gab da diesen Kommilitonen. Paar Semester über mir. Ich kannte ihn nicht, aber er war mir sympathisch. Keine Ahnung, wieso er mir auffiel. Irgendwie erfuhr ich, dass er nicht mehr studierte, sondern promovierte. Über: Hölderlin. Irgendwann, kurz vorm Abschluss seiner Arbeit, stellte er seine Ergebnisse im größten Vorlesungssaal, den das Institut zu bieten hatte – ich weiß nicht, wie er zu dieser Ehre kam – coram publico vor. Las aus der dicken Schwarte, zu dem das Typoskript seiner Doktorarbeit angewachsen war. Garniert mit anekdotischen Nebengeschichten.

Wahrhaftig ein fesselnder Vortrag! Der sich vor allem um die Frage rankte, ob Hölderlin geisteskrank war. Und der – fast selbstverständlich – die These vertrat, dass nicht! Dass man Hölderlin die Wahnsinnsanfälle angedichtet hatte. Weil, womöglich weil man mit seinem Wahnsinnsgenie nicht klarkam.

An- oder Ausfälle, die ja interessanterweise vom Tischler Ernst Friedrich Zimmer und auch von dessen Tochter Lotte, die Hölderlin in seinen letzten Lebensjahre treu sorgend betreute, tatsächlich nie als Tobsuchtsanfälle bezeichnet wurden. Ganz im Gegensatz zu Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth, der Hölderlin im Frühjahr 1807 eine unheilbare Hypochondrie attestierte und ihn als hoffnungslosen Fall aus dem Tübinger Universitätsklinikum entließ. Nach acht Monaten Zwangsbehandlung und Torturenmühle getreu der Autenrieth'schen Devise: "Wir werden dir dein Narrenmaul schon stopfen!", nach Verabreichung von Tollkirsche, Fingerhut und Opium, nach Einreibungen mit "Autenrieths Märtyrersalbe" auf der kahlen Kopfhaut, um künstliche Geschwüre zu erzeugen. Entlassen nicht ohne die fundierte ärztliche Prognose, dass ihm ohnedies nur noch wenige weitere Lebensjahre gegeben seien.

Tischler Zimmer nahm sich des bewunderten Hyperion-Dichters an. Zweifel an der krankhaften Relevanz der psychischen Störungen oder wenigstens an deren Ausmaßen sind also nicht ganz abwegig. Durchaus nicht völlig, nicht völlig von der Hand zu weisen, dass seine Zeitgenossen der Fülle seiner Einfälle nicht gewachsen waren und er - womöglich spaßeshalber - Anfälle erfand.

von Ulrich Land (Kommentare: 0)

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