Romanwerkstatt

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Ohne die Verse, bin ich mir sicher, hätte ich vermutlich nie auch nur irgendwas erfahren von diesem zerzausten Mann des Wortes, der sich da in seinem Turmzimmer die eigenen Gedichte zu improvisierten Klavierklängen vorsang oder im Kreis marschierend deklamierte.

"Wenn aus dem Himmel hellere Wonne sich
Herabgießt, eine Freude den Menschen kommt,
Daß sie sich wundern über manches
Sichtbares, Höheres, Angenehmes,
Wie tönet lieblich heil'ger Gesang dazu!
Wie lacht das Herz in Liedern die Wahrheit an"

Abseitige Nachtigall. Belauscht nur von Tischlermeister Zimmer und später, viel später von dessen Tochter Lotte. Diese fragt den Vater, was das für ein Gepolter sei, oben über der Zimmerdecke der Werkstatt. Warum der Holunder, oder wie der heiße, warum der da oben kreisrund durch die Stube stiefle, stampfe, tanze, oder was das sein solle. Warum er die Flöte so schrill, das Klavier so schräg spiele. Und im nächsten Atemzug die Stimme Verse durch die Metren, Rhythmen, Strophen treibe. Oder ob das gar keine Verse seien. Keine Worte, kein Sinn, bloß Rhythmen. Klänge wie bei seinem wirrwarrgetrommelten Klavier. Gekreisch wie das seiner Flötentöne. Oder ob, grad im Gegenteil, sein Klavier die Worte unter die Tasten nehme, ob die Verse Akkorde seien, die Strophen Strophen sängen. Die kleine Lotte reißt die Augen auf, die Ohren. Staunt. Der Vater: ratlos. Aber hat ein gutmütiges Lächeln auf die Lippen gezaubert. Das reicht, beruhigt das Mädchen.

Später, Jahre später, im Alter von 25 wird sie sich um den unbändigen Dichter da oben kümmern, wird ihn treusorgend umhegen. Ob sie Bewunderung umtrieb wie den Vater, der sich vor dem Dichter des Hyperion nicht nur verneigte, sondern ihm sofort und umstandslos unter die Arme griff? Oder ob sie Mitleid empfand? Das mütterliche Mitleid junger Frauen? Oder ob sie den Dienst an diesem 'merkwürdigen Holunder' als das Erbe ihres Vaters begriff? Als Fortführung seiner Huldigung, seiner Hingabe, seiner spontanen Menschlichkeit?

Erotische Anziehung wird es nicht gewesen sein. Er war längst ein alter Mann, gezeichnet von den endlosen Jahren, die die Sonne fast nur durch die trüben Scheiben der Turmfenster sahen. Niedergeschlagen von den Anfällen, die ihn offenbar immer wieder heimsuchten, schüttelten und durchrüttelten. In sich selbst verstrickt durch die endlosen Selbstgesprächstiraden. Verzehrt in einer so unerfüllten wie ewigen Liebe, geschwächt an Leib und an Seele. Nein, Erotik wird nicht im Spiel gewesen sein, nicht ein Hauch.

Was dann? Was hat sie zu einem der paar wenigen Menschen werden lassen, die Hölderlin über die Jahre – in ihrem Fall immerhin 5 Jahre, bis zu seinem Tod – die Treue hielten? Sie hat ihm in seinen hochbetagten Jahren das Überleben ermöglicht. Ohne sie wäre er jämmerlich eingegangen. Hätte sich noch mehr gekrümmt und in sich selbst vergraben, hätte aufgegeben vor der Zeit.

von Ulrich Land (Kommentare: 0)

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